West-Ost-Beziehung unkonventionell angeknüpft
Holzheim. Als die 18jährige Claudia Würzburg aus dem DDR-Städtchen Wernigerode im Harz vor fast vier Jahren im Wald die Reste eines Luftballons und eine daran hängende Postkarte fand, konnte die Familie Würzburg noch nicht ahnen, dass sich daraus eine Bekanntschaft mit einer Neusser Familie entwickeln würde, die nun schon mehr als einen Briefwechsel dauert.
Inzwischen haben sich Absender und Empfänger der "West-Ost-Luftpost" sogar schon persönlich kennengelernt. Ihre Freude über den guten Kontakt brachte die DDR-Familie jetzt in einem ausführlichen Brief an die Redaktion der NGZ zum Ausdruck.
Auf dem Familienbiwak der Schützenlust Holzheim hatte Willy Plath senior vom Hauptmannszug zusammen mit seinem Sohn Willy Plath junior 1986 einen Luftballon mit Antwortkarte auf die Reise geschickt. Alle Grenzen und Formalitäten missachtend, gelangte die fliegende Botschaft in die östliche Hemisphäre und fand nach etwa 460 Kilometern in Wernigerode ihr Ziel.
Nach ersten Briefen und telefonischen Kontakten (unter Kontrolle der Firma Horch und Guck = Stasi, wie es im Brief heißt), folgte Willy Plath mit seinem Sohn einer Einladung und besuchte die Familie Würzburg in der idyllischen DDR-Kreisstadt. Noch heute schwärmt er von den schönen Fachwerkhäusern dort. Zu dieser Zeit war aus politischen Gründen an einen Gegenbesuch absolut nicht zu denken. Ein Reiseantrag zur Kommunion von Plath junior war den Würzburgs noch abgelent worden: "Die Traumtänzer von SED-Bonzen ließen uns nicht fahren." Nach der Wende konnten Mitglieder der Familie zum ersten Mal in den Westen reisen, zum Schützenfest Anfang Juli war Helmut Würzburg Gast in Holzheim. Begeistert schreibt er von dieser Zeit: "Zum 90jährigen Jubiläum des Hauptmannszuges hatte ich das Glück, beim wunderschönen Heimatfest als Schütze mitzumarschieren. Es war Spitze, einfach super. Wenn man nach 40 Jahren so etwas erlebt, vergisst man es sein Leben nicht. Ich bin 56 Jahre, aber so ein herrliches Heimatfest und die netten und freundlichen Holzheimer habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt."
Inzwischen ist er wieder zu Hause, hat aber für das nächste Jahr Schützenfest schon "gebucht". Über Weihnachten und Silvester will die Familie aus Holzheim nach drüben fahren. Willy Plath: "Dann feiern wir einen vereinigten Jahreswechsel!"

Helmut Würzburg (links) aus Wernigerode im Harz besuchte seinen Holzheimer Brieffreund Willy Plath zum Schützenfest. Ausgestattet mit einer Uniform der Gesellschaft Schützenlust Holzheim, maschierte er gleich mit.
